Eine Kolumne von Ulrich Faure

Lesen unter der Fuchtel von Corona 14

Jede Krise treibt ihre eigenen Blüten. Und ruft jede Menge Irre auf den Plan. Da wären erstmal die ganzen Verschwörungstheoretiker, deren Stunde jetzt geschlagen hat, ihre kruden Vorstellungen in die Welt zu blasen. Haben wir ja alle im Fernsehen gehört. Und werden uns hüten, auf ihre Sites zu verlinken, auch wenn es – zugegeben – manchmal doch erheiternd ist zu sehen, wie viel Blödsinn auf eine Bildschirmseite passt.
Während hierzulande saftige Bußgelder für die drohen, die sich den Corona-Regeln widersetzen, zeigt der Philippinen-Diktator Duterte mal wieder, wes Geistes Kind er ist, und fordert seine Polizisten auf, die Leute, die sich nicht an die Regeln halten, einfach zu erschießen. Sollte all denen zu denken geben, die in Krisenzeiten von einer harten Hand des Staates träumen.
In Panama und Peru hingegen scheint man zu meinen, das Virus unterscheide zwischen Männlein und Weiblein: Heißt: Männer dürfen nur noch montags, mittwochs und freitags auf die Straße. Leider gibt die Presseerklärung weder Auskunft, wann die Transsexuellen rausdürfen und wie es am Wochenende gehandhabt wird.
Da mutet es schon fast harmlos an, wenn man sich in Deutschland über Mundschutzpflicht streitet: Irgendwo ja, irgendwo nein. Da Bezeichnungen wie „Schutzmaske“ oder „Atemschutz“ einen Verstoß gegen das Medizinproduktegesetz darstellen (können), versuchen jetzt Abmahnanwälte ihren Reibach zu machen. Und da wir ja bekanntlich ein gewisses Defizit an diesen Masken haben, wurde geraten, sie mit einfachen Mitteln selbst zu basteln. Weil sich das dafür anbietende Klopapier eh schon knapp ist, bleibt abzuwarten, was diese Bastelanleitungen für den Befüllungsgrad bei Kaffeefiltern bedeutet. Kanzleramtschef Helge Braun übrigens warnt vor Masken Marke Eigenbau – als Intensivmediziner, der er in einem früheren Leben mal war, wird er wissen, wovon er redet.
Also: Am besten zu Hause bleiben, dann drohen keine bösen Überraschungen. Und wenn die Lektüre ausgeht: im nächsten Absatz steht, wo es Abhilfe gibt. Ulrich Faure

Sie erreichen die Buchhandlung telefonisch täglich von 10-14 Uhr unter 0211 311 25 22, vierundzwanzig Stunden per E-Mail muellerundboehm@heinehaus.de, oder online über den Shop.


Lesen unter der Fuchtel von Corona 13
Gestern ist dem Kunstbuchverleger Lothar Schirmer der Kragen geplatzt. Seinen Schirmer/Mosel Verlag gibt es seit 46 Jahren, aber eine solche Situation wie die derzeitige hat er noch nicht erlebt. Und er hat einen „Offenen Brief an unsere Freunde im Buchhandel“ geschrieben, der sich aber auch an die Adresse der Politik richten dürfte.
„Die politischen Autoritäten haben es aufgrund mangelnden kulturellen Selbstbewusstseins zugelassen, dass Bücher, die einen Ehrenplatz in der Hierarchie zwischen Lebensmitteln und Medikamenten verdient hätten, als nicht notwendig eingestuft wurden für die physische und psychische Gesundheit der Bevölkerung. Der Kleinmut des Buchhandels und des Verlagswesens, den Börsenverein eingeschlossen, mögen dabei mitgewirkt haben. Auch das Publikum hat nicht dagegen protestiert. Sondern zunächst mit den Füßen für die Versorgung mit Klopapier votiert. Das ist beschämend.“
Der Verleger, branchenbekannt für seine klaren Worte, bringt es auf den Punkt. Denn tatsächlich ist nicht zu verstehen, warum man Buchhandlungen den Geschäftsbetrieb verbietet, während z.B. Tintenstationen zum Nachfüllen von Druckerpatronen weiterhin geöffnet sein dürfen.
„Und so stehen unsere Bücher nun als Obdachlose vor verschlossenen Türen und finden keinen Weg zum Publikum. Was ist zu tun? Wir alle müssen die Sache selbst in die Hand nehmen, Zuwarten hilft nicht“, so Schirmer weiter.
Als einen Lösungsansatz hat er jetzt seine Presseabteilung gebeten, beim Versand von Presseexemplaren die Medienpartner darauf hinzuweisen, dass besprochene Bücher auch direkt beim Verlag bestellt werden könnten. „Wir wiederum leiten eingehende Bestellungen an Buchhändler weiter, die vor Ort eine Versandbuchhandlung oder einen Lieferservice betreiben.“ Seine Bitte: „Melden Sie sich bitte bei uns, damit wir Sie berücksichtigen und auf unserer Website als Bezugsquelle nennen können.“
Und er meint: „Angesichts der Einstellung aller kulturellen und sportlichen Veranstaltungen bundesweit haben alle Medien jetzt mehr Platz für attraktive Bücher, die sie ihren Lesern, Hörern und Zuschauern nahebringen können.“ – Schön wär’s. Wir ahnen ja, wie der Platz verwendet wird.
Natürlich hofft er, dass die Buchhandlungen wieder geöffnet werden dürfen. Man wird ja sehen, ob in der Politik ein Umdenken einsetzt. Wenn nicht, könnte man leicht den Eindruck gewinnen, dass alle kulturpolitischen Bekenntnisse eher den Status einer Sonntagspredigt haben… Ulrich Faure

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Lesen unter der Fuchtel von Corona 12
Es ist ein paar Jahre her, da habe ich mit einer Kollegin (wir hatten den BuchMarkt-Messestand in Leipzig gerade fertig aufgebaut und saßen beim Spanier in der Nähe der Thomaskirche) ein Projekt ausgetüftelt: nämlich das kleine Büchlein „Highlights der unabhängigen Verlage“ – als Pendant zum „großen Bruder“ des Kurt-Wolff-Stiftung-Katalogs „Es geht um das Buch“, der traditionell zur Frankfurter Buchmesse erscheint und dem Publikum einen Überblick über die Novitäten des Herbstes geben soll, die in den Mitgliedsverlagen der Kurt-Wolff-Stiftung erscheinen. Neidlos sei anerkannt, dass der große Katalog auch typographisch grandios ist – ich bin sicher nicht der Einzige, der ihn von Nr. 1 an gesammelt hat.
Das BuchMarkt-Heft, das wir in der Redaktion damals auch gleich für österreichische und Schweizer Indies geöffnet hatten, erschien (und erscheint) mit Unterstützung der Kurt-Wolff-Stiftung; wir haben immer die ganze Leipziger Messe damit geflutet. Und es wurde dann zu einem Orientierungswerkzeuz der Buchhändler, die nicht in Leipzig sein konnten, der gesamten Auflage des April-Heftes von BuchMarkt beigelegt.
So ist es auch in diesem Jahr wieder geschehen. Nur eben ohne die Leipziger Buchmesse. Was schade ist, denn allein schon beim Daumenkino der Verlage von Alexander bis zu Klampen! ist man erstaunt, was das Frühjahr wieder an lesenswerten Titeln gebracht hat. Knapp 100 Seiten Leseverführung pur! Nur, dass eben nicht nur die Messe ausgefallen ist, sondern auch der Buchhandel geschlossen hat und sich die Presse weniger um neue Bücher als um Corona kümmert…
Die BuchMarkt-Redaktion hat, wie mir eben telefonisch bestätigt wurde, das Heft trotzdem ordentlich unters Lesevolk gebracht, aber weiß man, ob auch Sie ein Exemplar abbekommen haben? Wenn nicht, kein Problem, schauen Sie hier»»   und lassen Sie sich inspirieren (und Müller & Böhm die gewünschten Exemplare besorgen). Über einige der im Heft angezeigten Titel wird demnächst hier an dieser Stelle noch zu reden sein. Ulrich Faure

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Lesen unter der Fuchtel von Corona 11
Eine der wenigen Lesereisen in diesem Jahr, die wenigstens angefangen haben: der preisgekrönte isländische Autor Ragnar Helgi Ólafsson war auf Tour mit einem seiner Übersetzer Wolfgang Schiffer (Mitübersetzer ist der isländische Maler Jón Thor Gíslason aus Düsseldorf). In Berlin war dann coronamäßig Schluss mit der Lesereise, von der es hier einige Impressionen gibt»»
Ich hatte mich gefreut, in Leipzig diesem Autor zu begegnen (und auch schon die Bücher zum Signieren bereitgelegt), nämlich den Gedichtbad „Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können“ (2015 mit dem Tómas-Guðmundsson-Literaturpreis ausgezeichnet) und die großartige Prosa-Sammlung „Handbuch des Erinnerns und Vergessens“ (nominiert für den Isländischen Literaturpreis). Beide sind im ELIF-Verlag erschienen, der ausstattungsmäßig alle Register gezogen hat (beim Gedichtband z.B. ein doppelt ausgestanztes Front- und Back-Cover und eine offene Bindung, und wer sagt, Lyrik verkaufe sich nicht, muss mir dann mal erklären, wieso dieser Band inzwischen in der dritten Auflage ist.
Aber den Gedichtband gibt es auch schon seit 2017 – er hat ein bisschen Zeit (und nicht geschlossene Buchhandlungen) gehabt, zum Leser zu finden. Und diese Zeit auch genutzt. Dieses Glück ist dem „Handbuch“ nicht beschieden. Das gibt es erst seit Februar, und es teilt das Schicksal fast aller Frühjahrsnovitäten: Corona hat eben auch Bücher weggesperrt. Vielleicht mögen Sie ja das eine oder andere Exemplar aus dem Knast befreien?
Eine meiner Lieblingsgeschichten des Bandes ist „Ragnar, seine Freunde und ich“. Ich werde den Teufel tun, sie hier nachzuerzählen, wie sollte ich das auch auf wenigen Zeilen schaffen, wenn der gar nicht geschwätzige Autor dafür 17 Seiten braucht! 17 Seiten voller Phantasie, Philosophie und Verschmitztheit (ob der Übersetzer in diesem Falle auch Pherschmitzheit zulassen würde?) Oder ist doch „Ein sauberes Eigentum“ mein Favorit? Schwer zu entscheiden – und möglicherweise sollte ich auch … – Nein, so wird das nichts. Besser, Sie machen sich ihr eigenes Bild.
Ólafsson ist übrigens auch Musiker (und Grafiker), jetzt hat er seinen Song „Hotel Null“ ins Internet gestellt»» Wer sich für den deutschen Text interessiert: den gibt es hier»» Ulrich Faure

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Lesen unter der Fuchtel von Corona 10

Hartelijk gefeliciteerd, Marga Minco, zum 100sten!
Zur Leipziger Buchmesse sollte ihr im dortigen Literaturhaus eine ganz große Bühne gebaut werden: der heute auf den Tag genau 100 Jahre alten niederländischen Autorin Marga Minco. Ist natürlich wegen Corona nicht passiert.
Ihren großartigen kleinen Roman „Das bittere Kraut“ hatte Rowohlt (in der berühmten in Halbleinen gebundenen Taschenbuchausgabe) schon 1959 veröffentlicht, die Geschichte einer jüdischen Familie nach der Besetzung der Niederlande 1940. Dieses Werk – inzwischen in über 20 Sprachen übersetzt – gilt als einer der Klassiker der niederländischen Nachkriegsliteratur. Was – im Gegensatz zu Deutschland – heißt, dass das Buch bis heute gelesen wird und nicht als Artikel in einem Literaturlexikon verkommt.
Ebenso der Roman „Ein leeres Haus“, den es noch nie auf Deutsch gab – unklar warum. Er steht sogar komplett in der in feinstes Leinen gebundenen Gedundrukt-Ausgabe (also Dünndruck) des Verlags van Oorschot aus dem Jahr 2015 (der Verlag, in dem 1953 Thelens „Insel des zweiten Gesichts“ im Nachkriegs-Amsterdam auf Deutsch das Licht der Bücherwelt erblickte). Das ist eine Buchreihe, die jeweils ein Best-of eines bedeutenden niederländischen Schriftstellers präsentiert: für mich (auch typografisch) in ihrem ungewöhnlichen Format eine der schönsten Buchreihen der Welt.
Nun gibt es beide Minco-Romane in der grandiosen Übersetzung meiner lieben Kollegin Marlene Müller-Haas im Arco-Verlag (wobei zu fürchten ist, dass sich die Auslieferung coronär verzögert hat). Wer Arco-Bücher kennt, weiß um ihre exzellente Ausstattung. Wer sie noch nicht kennt, sollte das mit den beiden Minco-Büchern unbedingt nachholen.
Wäre eine Bestellung der Bücher am heutigen Tag nicht auch ein hübscher Geburtstagsgruß an die Autorin, auch wenn man die Bücher nicht gleich in die Hand gedrückt bekommt? Herzlichen Glückwunsch Marga Mico zum 100sten! Ulrich Faure

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Lesen unter der Fuchtel von Corona 09

Es wäre zum Brüllen komisch, wenn es nicht so ernst wäre: Amazon, der mit Gnaden der EU-Politik steuerkreative Verein, der mal als Buchversand angefangen hat und mit seiner Krakenmentalität für den gesamten stationären Buchhandel ein rotes Tuch ist (auch im Antiquariatsbuchhandel kann man ihm kaum entkommen, denn auch ZVAB gehört – über AbeBooks: Amazon) geht jetzt vor Corona in die Knie. „Wir priorisieren vorübergehend den Eingang von Waren für den täglichen Bedarf, medizinischen Verbrauchsgütern und anderen Produkten mit hoher Nachfrage in unseren Logistikzentren“, hat das Unternehmen mitgeteilt. Also wer jetzt schnell noch einen aktuellen Bestseller in Amazonien bestellen will, sollte dem Mausklick einen Stoßseufzer zum Himmel hinzufügen; vielleicht hat der ja ein Einsehen. Oder einer der Amazon-Mitarbeiter, die das Unternehmen übrigens so mies bezahlt wie Jens Spahn vor kurzem das Krankenhauspersonal, für das er nun in der Krise seine Liebe entdeckt hat und es auf Händen trägt; schau’n wir mal, wie lange die Liebe dann in Zeiten geplünderter Staatskassen anhält…
Sie, liebe Leser, wissen es ja (sonst wären Sie nicht hier), wo man (selbst bei geschlossenem Laden) zuverlässig und schnell seinen Lesestoff herbekommt. Hoffen wir mal, dass nun viele Amazon-Jünger sich bei solch eklatantem systemischem Versagen darauf besinnen, wo der Buchhändler ihres Vertrauens seinen Sitz hat (und hinter zwangsverschlossenen Türen um das Überleben seines Geschäfts kämpft). Auch ein Zwischenhändler (Libri, der zu Tchibo gehört, was nun auch nicht die letzte Klitsche ist) zieht nicht mehr so richtig mit und storniert Vormerker, was – kurz gesagt – die Belieferung mit Büchern nicht geschmeidiger gestaltet.
Aber alle diese Unwägbarkeiten – liebe Leser – müssen Sie nicht interessieren. Dafür haben Sie ja Ihren Buchhändler vor Ort, auch wenn sie ihm derzeit nicht die Hand schütteln dürfen, dass er Ihnen diesen Bettel vom Halse hält. Weil der weiß, wie es geht. Und Sie nicht, wie die Umsatzkraken im Internet, im Stich lässt. Das wollen wir uns mal schön für die Zukunft merken und es jedem weitererzählen, der verdächtig ist, zu lesen und Bücher zu kaufen. Hoffen wir nur, dass die Post ihre Drohung, „weitere Einschränkungen ihrer Dienstleistungen“ vorzunehmen, nicht wahrmacht, indem sie so tut, als sei sie um die Gesundheit ihrer Zusteller besorgt (wovon die leben sollen, hat die Post jahrelang bekanntlich einen feuchten Schmutz interessiert; aber schön, dass auch hier eine Blitzläuterung stattzufinden scheint). Ulrich Faure

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Lesen unter der Fuchtel von Corona 08

Es ist noch gar nicht so lange her, dass sie bei Müller & Böhm aus ihrem grandiosen Roman „Alle, außer mir“ (Wagenbach) gelesen hat: Francesca Melandri. Jetzt hat sie sich im „Spiegel“ zu Wort gemeldet – und es ist gar nicht erfreulich, was da zu lesen ist. Natürlich geht es um ein Thema, das uns grade alle (wenn auch räumlich beschränkt) umtreibt.
„Wir sind jetzt dort, wo ihr in wenigen Tagen sein werdet. Die Grafiken der Pandemie zeigen, dass wir in einem parallelen Tanz miteinander verbunden sind, in dem wir euch zeitlich einige Tage voraus sind, so wie Wuhan uns einige Wochen voraus war“, schreibt Melandri. Klingt wenig beruhigend, leider aber überzeugender als all das Geschwätz vieler Politiker, die versuchen, sich als Beherrscher der Lage zu inszenieren (aber nicht mal für ausreichenden Schutz des Klinikpersonals sorgen können), um „danach“ politisches Kapital daraus schlagen zu können, und da meine ich nicht nur die auf Bundesebene.
„Wir sehen, dass ihr euch genauso verhaltet, wie wir uns verhalten haben.“ Stimmt leider. Geht man bei diesem herrlichen Sonnenschein z.B. in den Zoopark (im Hofgarten wird’s ähnlich sein) muss man aufpassen, von Joggern nicht umgerannt, von Radlern nicht über den Haufen gefahren zu werden. Und auf der Wiese wird Ball gespielt, alle Bänke besetzt – eigentlich ist alles wie immer. Einer führte gar ein Karnickel an der Leine spazieren.
Auch auf den Geschäftsstraßen herrscht Gedrängel wie immer. Nur in den Supermärkten – vor allem, wenn das Marktpersonal darauf aufmerksam macht – scheint sich das Bewusstsein wieder einzustellen, dass wir uns in einer Ausnahmesituation befinden, deren Gefährlichkeit wir alle ehrlicherweise nicht einschätzen, inzwischen aber erahnen können. Auch wenn man beim Lesen der Kommentare in der Tagespresse den Eindruck hat, wir seien auf einmal ein Volk von hochspezialisierten Virologen geworden.
Natürlich weiß ich es auch nicht. Ich habe das alles anfangs für ein albernes Schnüpperchen gehalten: Nun macht mal halblang! Inzwischen sind weltweit zu viele Menschen gestorben, um das noch so hemdsärmelig sehen zu können. Natürlich wäre mein Wunsch, dass der ganze Spuk schnell vorbei ist und man wieder zur Normalität zurückkehren kann. Jetzt ein Frischgezapftes – nicht auszudenken! Wir berauschen uns an unseren derzeit geringen (aber doch stetig wachsenden) Fallzahlen und glauben, Italien und Spanien seien weit weg. Die Grenzen sind ja dicht. Und machen wir Deutschen nicht sowieso alles besser? Schön wär’s. Ich wünsche es uns. Aber es könnte sich auch alsd gewaltiger Irrtum herausstellen – und wenn wir darüber Sicherheit haben, ist’s zu spät.
Wir sollten auf jeden Fall vorsichtig sein. Wir wollen uns doch alle gesund bei der nächsten Lesung im Heine Haus wiedersehen. Gern wieder mit Francesca Melandri.
Der Text steht beim „Spiegel“ im gesperrten Bereich, aber Volker Weidermann hat die Autorin zum Thema interviewt»»
Ulrich Faure

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Lesen unter der Fuchtel von Corona 07

Da hab ich Augen gemacht, als ich dieser Tage auf der Facebook-Seite von Müller & Böhm nachsehen wollte, ob meine Kolümnchen schon online ist: die Zeichnungen zu Augusto Monterrosos großartiger Erzählung (die ich in Wahrheit für einen Roman halte) „Der Dinosaurier“. Ich kann es mir vielleicht ersparen, aus diesem einzigartigen Werk zu zitieren – es steht komplett bei Müller & Böhm online (stöbern Sie da ein bisschen herum, es gibt es noch mehr zu entdecken»».
Diese wunderbare Geschichte hat mich mein ganzes Leseleben begleitet. Sie ist – in der DDR – wo ich studierte, zuerst in dem wunderschönen Reclam-Leipzig-Band „Der Frosch, der ein richtiger Frosch sein wollte“ erschienen. (Wir haben es hier auch mit sem seltenen Fall zu tun, dass der Buchtitel länger ist als einer der zentralen Texte.) Klar, dass da Jugenderinnerungen hochkommen. Schön war’s ja doch, auch wenn man irgendwie eingesperrt war, anders als jetzt, weil: dass es so etwas wie ein Entlassungsdatum geben könnte, daran war damals nicht zu denken.
Unter uns Studenten machte die Dino-Geschichte (ohne dass wir ahnten, dass diese Viechter mal mit „Jurassic Park“ einen weltweiten Boom auslösen würden) sofort die Runde, sie wurde sogar so etwas wie ein Tagesgruß. Man musste einander nur ins übernächtigte Gesicht schauen und „Dinosaurier“ murmeln – und schon war alles klar.
Denn ganz sicher war das Studentenleben in Leipzig damals nicht weniger alkoholgetränkt als an anderen Orten der Welt. Aber: Früh um 7 (in Worten: sieben) hatte man im (fensterlosen) Hörsaal zu sitzen, nachdem man seine körperliche Präsenz in einer Anwesenheitsliste urschriftlich festgehalten hatte (da gab es einige Vermeidungsstrategien, die allerdings bei zu exzessivem Einsatz nach hinten losgehen konnten). Die beiden unabänderlichen Konstanten – geselliges Beisammensein abends im Wirtshaus, ungeselliges Beieinander zu eigentlich nachtschlafener Zeit sorgten freilich für eine sehr eigenwillige Rezeption des Monterroso-Textes, der nun doch zitiert werden muss: „Als er erwachte, war der Dinosaurier immer noch da.“ Denn er war wirklich da. Jeden Morgen. Ich weiß nicht, wie viele Exemplare dieser doch ausgestorbenen Spezies mir im Laufe meines Studiums zu dieser unchristlichen Zeit vor Augen gestanden haben (auch nicht, ob sie munterer waren als ich – ich vermute mal: Mehr als seinerzeit auf Erden kreuchten und fleuchten.
Inwieweit morgendliche die Erscheinung mit der Strichzahl auf dem Bierdeckel am Abend zuvor im Verhältnis stand, habe ich qua angeborener Mathematikschwäche nie herausbekommen. Das Thema hat sich in der Zwischenzeit auch erledigt, geblieben aber ist mir der großartige Text des guatemaltekischen Autors, der mit seinen Geschichten („Ernst im Unernst“ sagt Garcia Márquez einmal dazu) in einer ganz eigenen Liga der Weltliteratur spielt. Gehört in jeden Bücherschrank. Ulrich Faure

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Lesen unter der Fuchtel von Corona 06

In meinen Zeiten als BuchMarkt-Redakteur bin ich hin und wieder gefragt worden, ob ich der Rubrik „Lesetipps der Redaktion“ immer das gesamte Programm des Weidle-Verlags empfehle. Kann sein, kann sein, nicht. Ich habe es nie kontrolliert. Weidle macht nur Bücher, die er selbst gern lesen würde – und unsere Freundschaft hat genau damit im vergangenen Jahrtausend einmal begonnen, dass wir halt die gleichen Bücher favorisierten. Und daran hat sich bis heute nichts geändert.
Nun hat Stefan Weidle, des öfteren mit seinen Autoren Gast im Heine Haus, im Frühjahr einen Coup gelandet, den man bitte in breitester Öffentlichkeit wahrnehmen möge. Der Verleger und frühere Vorsitzende der Kurt-Wolff-Stiftung (einer Interessen- und Geistesgemeinschaft unabhängiger Verlag mit inhaltlich hohem Anspruch – meine vielleicht etwas informelle, aber zutreffende Formulierung) hat ein Manuskript der Ehegattin Kurt Wolffs, Helen Wolff (1906-1994) ausgegraben und nun in typischer Weidlequalität (Typographie von Friedrich Forssman, Softcover, Fadenheftung – und oben(vorne)drauf ein – ’tschuldigung – geiles Cover von Kat Menschik) vorgelegt. Helen Wolff war nämlich nicht nur eine begnadete Verlegerin, die das Lebenswerk ihres Mannes nach dessen tragischem Tod 1963 fortsetzte (lesen Sie mal der Briefwechsel von Grass/Wolff, 2003 bei Steidl erschienen), sondern auch Autorin.
Der jetzt bei Weidle erstmals veröffentlichte Roman „Hintergrund für Liebe“ wurde 1932 geschrieben – und hat natürlich einen autobiographischen Hintergrund. Und er ist auch ein Zeitgemälde jener letzten ebenso unbeschwerten wie doch schon von den kommenden Ereignissen überschatteten Tage im Paradies Südfrankreichs kurz vor der Katastrophe 1933. Ein kleiner, rund 100 Seiten langer Roman, den Sie jetzt im Corona-Knast in einem Rutsch lesen werden.
Und nach 100 Seiten ist dann (zum Glück) noch nicht Schluss: Dann finden Sie den mindestens ebenso spannenden Essay von Helen Wolffs Großnichte Marion Detjen „Zum Hintergrund des Hintergrunds“ – über die ersten gemeinsamen Jahre des Ehepaares Wolff und ihr Wirken im Exil. Ulrich Faure

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Lesen unter der Fuchtel von Corona 05

Wer hätte vor ein paar Tagen gedacht, dass Klopapier nun in aller Munde ist, weil es nicht mehr in aller Hände kommt. Die Hamster(er) sind unter uns. Sogar die gern oberlehrerhafte „Zeit“ lässt in einem Interview (17. März) Malte Schremmer, der u.a. Klopapier vertreibt, als Antwort auf die Frage, ob die Toilettenpapierbranche einer der Profiteure der Corona-Krise ist, etwas drastischer formulieren, als es sonst Usus im Blatt ist: „Aus meiner Sicht ist das ganz einfache Mathematik: Niemand wird häufiger scheißen gehen als sonst auch. Wenn jetzt also viele Leute Klopapier kaufen, wird es bald eine Phase geben, in der ganz wenige was brauchen, weil alle einen Vorrat zu Hause haben.“
Ob dieser Satz auch in ein Hamster-Hirn geht? Ich habe (als Ex-DDR-Bürger vertraut mit der Greif-zu-und leg-einen-Vorrat-an-Mentalität so mancher Zeitgenossen) Zweifel. Aber es kommt etwas hinzu: Vielleicht sollte man Herrn Altmaier, der ja immer alles super findet, und anderen Politikern mal beim Denken helfen. Denn es sind nicht nur die bösen Hamsterer an diesem Schuld. Wenn man dafür sorgt, dass qua Shutdown weniger Altpapier eingesammelt werden und in die Papiermühle gefahren werden kann, dann sollte einem eigentlich klar sein, dass bei dieser Rohstoffverknappung irgendwann auch diese Neuproduktion stehen bleibt. Eine Info, die dann sicher weitere Hamsterer auf den Plan rufen – und jetzt auch Hamsterverbote – auslösen wird. Das perfekte Programm, um Panik auszulösen. – Könnte man freilich auch anders lösen…
Aber wenn wir einmal bei einem der Top-Themen dieser Tage sind, lassen Sie mich auf ein Buch hinweisen, das schon 2015 im zuKlampen-Verlag erschienen ist: Nämlich Johann-Günther Königs „kleine Geschichte der menschlichen Notdurft“ mit dem Titel „Das große Geschäft“. Sozusagen eine EnzyKLOpädie (leider nicht mein Einfall, sondern ne Kapitelüberschrift im Buch). In der übrigens auch über Toilettenpapieralternativen zu lesen ist.
Das Buch ist eine ungewöhnliche Spurensuche und garantiert einige vergnügliche Lesestunden (bei der man nicht unbedingt auf dem Thron sitzen muss). Lassen Sie sich, wenn sie online gucken, von der einzigen, nicht nur leicht dümmlichen „Rezension“ bei Amazonien nicht abschrecken. Der irdische Buchhändler (derzeit gezwungen versteckt im Laden) weiß es auch in diesem Falle besser. Ulrich Faure

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Lesen unter der Fuchtel von Corona 04

Heute (24.3.) auf den Tag genau vor einem Jahr ging die Leipziger Buchmesse 2019 zu Ende. Sie war für mich fast großartig, ich hatte eins meiner Lieblingsbücher einem Verlag schmackhaft gemacht (ohne zu wissen, dass es ein paar Wochen später den höchsten niederländischen Buchpreis gewinnen würde – ich komme in den nächsten Tagen an dieser Stelle darauf zurück), und ich war stolz auf die erste von mir herausgegebene „horen“-Ausgabe, die sich um das Thema Neuübersetzungen drehte. Ich hatte das gesamte Heft noch mit meinem Freund und „horen“-Chef Jürgen Krätzer durchsehen und redigieren können. Der wegen seiner erneuten Krebserkrankung nicht zur Messe kommen konnte. Das war wirklich der einzige Wermutstropfen in Leipzig. Dachte ich. Auf der Rückfahrt schreckte mich im Zug dann eine SMS auf: Jürgen ist gestorben. Mit gerade mal 60.
Ungefähr ein Jahr lang haben die „horen“ improvisieren müssen, nun haben kurz vor Leipzig 2020 die neuen Herausgeber Andreas Erb und Christof Hamann ihre erste Ausgabe vorgelegt: Ach, hätte Jürgen diese Nummer doch noch erleben können! Er hätte sich sehr darüber gefreut. – Aber nun ist aus bekannten Gründen diese Buchmesse ausgefallen, auf der sich diese neue Ausgabe (wie immer mit eigenem Stand neben dem Wallstein-Verlag, unter dessen Fittichen diese einst mal von Friedrich Schiller gegründete Zeitschrift erscheint) und die neuen Herausgeber hätten präsentieren können.
Weshalb ich hier auf diese Ausgabe unbedingt aufmerksam machen möchte. Nicht nur, weil einige Autoren, die regelmäßig als Gast im Heine Haus auftreten, mitgewirkt haben (Esther Kinsky, Barbara Köhler, Marion Poschmann, Yoko Tawada, Anja Utler – um den Damen den Vortritt, wenn auch in heute vorgeschriebenem Abstand, zu lassen, Marcel Beyer, Oswald Egger, Catalin Dorian Florescu, Michael Roes, Peter Wawerzinek z.B. – ich sehe grade, es wäre weniger Tipperei gewesen, hätt’ ich nur die aufgeführt, die noch NICHT da waren…), auch ist der großartigen Barbara Köhler – Erstausgaben-Sammler aufgemerkt! – ein Sonderteil gewidmet. Von der wunderbaren Bildstrecke von Anja Harms gar nicht zu reden.
Wäre ich nicht seit Jahren Abonnent; allein wegen dieser Ausgabe würde ich abonnieren. Aber wem das zuviel Bindung ist: Das Heft gibt es natürlich auch einzeln. Zum Beispiel hier bei Müller & Böhm.
Die „horen“ sind seit jeher der Dichtung verpflichtet. Der hat sich auch der ELIF-Verlag in Nettetal verschrieben. Und da Verleger Dincer Gücyeter nicht stillesitzen kann, hat er ein kleines Online-Lyrikprojekt in Coronazeiten ausgeheckt (an dem wiederum auch zahlreiche „horen“-Mitarbeiter mitwirken); gestern ist es gestartet, und nun soll aller drei Tage was Neues kommen. Abonnieren und nichts verpassen!
(Nachtrag zur 2. Kolumne: Gestern – 23.3. – erreichte mich das am 13.3. in Berlin losgeschickte Waterdrinker-Buch. Wenn es der Postbote es tatsächlich gelesen haben sollte, hätt’ er wenigstens ’ne Nachricht reinlegen können, ob’s ihm gefallen hat…) Ulrich Faure

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Lesen unter der Fuchtel von Corona 03

Dabei klingt das Biest doch eigentlich ganz nett: Corona. So freundlich, strahlend (die Korona um die Sonne schreibt sich vorsorglich mit K…), fast ein bisschen königlich. Gut, dass mit dem Namen irgendwas faul ist, weiß jeder, der das gleichnamige Bier Corona Extra (auch liebevoll Coronita Cerveza) mal getrunken hat – nicht ganz so schlimm wie Warsteiner-Plürre, aber nun auch nicht das, was man unter Genuss versteht. Aber Genuss ist derzeit auch nicht das bestimmende Thema.
Ja, Namen sind halt trügerisch. Eigentlich ist die Corona ein Kranz (in der Antike gern ein Siegerkranz), und da wollen wir mal jetzt für uns alle hoffen, dass nomen nicht omen ist. Der wohlklingende Name ist so beliebt, dass Toyota (ist ein paar Tage her) mal ein Auto danach benannt hat, und gab es nicht auch in Deutschland (noch ein paar Tage früher) einen Fahrrad-, Motorrad- und Autohersteller dieses Namens? Okay, eine italienische Band des Namens mit ihrem akustischen Tomatensaucenbrei vergessen wir lieber gleich, und ob das Corona-Magazine für Science-Fiction und Fantasy derzeit so glücklich mit seinem Namen ist, lassen wir dahingestellt. – Aber: alles Corona-Namen, die etwas Freundliches signalisieren. Wie kommt man drauf, ein so bösartiges Virus danach zu benennen? Wissenschaftlerhumor? Dann ist’s gewiss nicht meiner.
Oder hat ein oller Lateinfreak an das bekannte „sub corona verdere“ gedacht, was ja nichts anderes heißt, als einen Kriegsgefangenen als Sklaven zu verkaufen. Das war in der Antike üblich – haben die sich damals schon Mühe gegeben, dem Strahlenamen einen Makel anzuhängen? Wie auch immer, ich finde, man sollte das Biest bei seinem wahren Namen nennen: CONVID-19, geschrieben genau in diesen den Leser anbrüllenden Großbuchstaben, dass man freiwillig das Weite sucht. – Lesen Sie gut zu Hause! Ulrich Faure

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Lesen unter der Fuchtel von Corona 02

In die Stadt gehen in Zeiten von Corona? Ich habe es am Tag meiner abgesagten Lesung mit Pieter Waterdrinker im Heine Haus  getan. Warum?
Das Buch Tschaikowskistraße 40 (Matthes & Seitz) von Pieter Waterdrinker (das ich übersetzt habe) sollte Anfang April erscheinen – da aber Anfang März in der Niederländischen Botschaft in Berlin und zur Leipziger Buchmesse Veranstaltungen mit ihm geplant waren, mussten die Bücher früher da sein. Waren sie auch. Manche Verlage kriegen so was hin. Matthes & Seitz natürlich auch. Aber Pieter, der als Korrespondent der größten Niederländischen Tageszeitung in Sankt Petersburg arbeitet, saß nach Absage der Buchmesse in Berlin fest. Und blieb da, weil er unsere Lesung in Düsseldorf nicht schmeißen wollte. Dann machte Russland die Grenzen für Deutschland dicht (Pieter hätte, wäre er von Berlin geflogen, 14 Tage in Quarantäne gemusst). Da sich Corona in diesen Tagen noch nach europäischen Landesgrenzen richtete, konnte er am Samstag vor der Lesung via Amsterdam dem Moskauer Virenknast entkommen – so ist er in letzter Minute nach Hause geschlüpft. Aber: Pieter hatte vom Verlag ein Exemplar (mein Buch!) im Gepäck – ich hatte es da – weil frisch erschienen – noch gar nicht gesehen.
Da der Verleger Andreas Rötzer ein netter Mensch ist, packte er mir flugs ein Exemplar ein und schickte es per Post. Was aber nicht ankam, auch am Lesungsmontag nicht, und deshalb rheinbahnte ich schnell zu Müller & Böhm, um mir vor der angedrohten Abdichtung des Landes noch ein Exemplar zu schnappen: Die noch gar nicht offiziell erschienenen Bücher waren extra für die Lesung geliefert worden. (Übrigens ist die Büchersendung vom Verlag bis heute nicht angekommen – ich vermute einen Postler, der, von Kurzarbeit bedroht, sich fix und billig mit Lesestoff versorgt hat. – Nein, das ist gelogen, wer meine E-Mail-Signatur kennt, weiß, dass ich seit zwei Jahren – relativ erfolglos übrigens – mit der Post und DHL im Clinch liege und inzwischen bei dem Laden wegen meines beharrlichen Wunsches auf ordnungsgemäße Zustellung so verschrien bin, dass ich automatisch nach dem ersten Beschwerdemail einen Satz „Entschuldigungsbriefmarken“ kriege. Zustellung wär’ mir lieber.)
Nun soll Pieters Buch wegen Corona offiziell noch später erscheinen. Sehr vernünftig, aber was bin ich froh, mir schnell doch ein Exemplar gesichert zu haben! Ich vermute, dass im Heine Haus noch ein paar Exemplare liegen, die auf Grund der ausgefallenen Lesung natürlich nicht verkauft werden konnten (die Veranstaltung holen wir natürlich nach – aber wann?). Da wären jetzt also in Heines Geburtshaus die deutschlandweit vorerst einzigen verfügbaren Exemplare dieses wunderbaren Buches… Ulrich Faure

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Lesen unter der Fuchtel von Corona 01

„Das hebe ich mir für die Rente auf“, pflegte mein Vater zu sagen, wenn ihm ein Buch in die Hände fiel, das er zwar lesen wollte, nur eben nicht sofort. Ich habe es nicht kontrolliert, aber ich vermute, er hat sich dran gehalten.
Ich habe (lebenslang) das Sprüchlein von ihm geklaut, dabei aber geflissentlich übersehen, dass ich inzwischen altersmäßig so weit fortgeschritten bin, dass ich langsam den Stapel mal sichten sollte, zu dem sich die Bücher unter dieser Ausrede bei mir auftürmt haben. Zumal dieses lektüreaufschiebende Alter seit kurzem als hochgefährdet gilt: Man ist schließlich mit 65 Kernzielgruppe dieses heimtückischen Virus’ mit dem netten harmlosen Namen Corona: ein Wort wie ein Sonnenstrahl. Ja, denkste! Nix also mehr mit aufheben, wer’s gern sarkastisch mag, würde sagen: „Halt dich mal lieber ran, dass du es noch schaffst, bis dir das Vieh Löcher in die gewesene Raucherlunge frisst!“
Also den aufgebrummten Hausarrest jetzt nutzen, das zu lesen, was man immer schon lesen wollte! Auf jeden Fall eine bessere Idee, als stundenlang aufs Smartphone zu starren und jedem Update in Sachen Corona-Krise hinterzuhecheln. Man kann natürlich auch Novitäten aus dem Frühjahr lesen – die nun, nach Messeabsage und flächendeckenden Buchhandlungsschließungen, die böse Chance haben, den Zustand des „Novi“ zu überspringen und gleich zum „Oldi“ zu werden: à la „hebe ich mir für die Rente auf.“
Für beides sind Selinde Böhm und Rudolf Müller, die mich gebeten haben, meine hausarrestliche Lektüre immer mal zu unterbrechen, um ihnen ein paar Zeilen aufs virtuelle Papier zu hauen, bestens gerüstet (und hinter verschlossenen Buchhandlungs-Türen auch tätig): Das, was man schon immer lesen wollte/sollte, gibt’s – wie man als Kunde weiß – ganz selbstverständlich, und das Beste aus den Frühjahrsprogrammen war natürlich längst bestellt, ehe wir alle das Wort Corona buchstabieren lernten. Schön, trotz weiträumigem Eingesperrtsein trotzdem so eine (Aus)wahl zu haben. Ulrich Faure

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